Alltagsskizzen

Mut

Etwas dehnt sich aus. Metall bei Hitze, gefrierendes Eis in der Flasche,
Mut im Körper als gerichteter
Wille auf das eine: Tu es jetzt.
Doch ist dieser Mut, von dem ich
schreibe, nicht den bekannten
Naturgesetzen unterworfen, und
sein Wachsen oder Schrumpfen
ist aperiodischer als das Eintreffen
guter Nachrichten. Er kann
aber durch kleine, tägliche Versuche
gestärkt werden, motiviert
werden durch das Überschreiten
der Unlustgrenze. In meiner Straße
gibt es diesen Laden mit den
hübsch dekorierten Fensterläden,
mit Gardinen vor zu vielen Augenblicken
geschützt, Blink Blink,
und auf einer Couch darin sitzen
oft zwei beschäftigte junge Frauen.
Ich hörte neulich, dass sie einen
Risographen besitzen, eine
umweltfreundliche Variante zum
normalen Kopierer. Arbeitsame
Menschen unterbricht man ungern
in ihrem Tun und lange zögerte
ich, aus Neugier zu klopfen.
Doch, ach was soll´s, klopf klopf.
Sie öffnete mir, der ich im Regen
stand, mit charmantem Lächeln
und gab mir kurz Antwort auf die
Frage, was es mit diesem Laden
auf sich habe. Sie vertröstete mich
für nähere Auskunft auf nächste
Woche, weil sie eine Deadline
habe: „Wenn die Sonne wieder
scheint.“ Beim schließen der Tür
dehnte sich ein kleines Glücksgefühl
in mir aus. Lag es daran, dass
ich den Mut auf der Straße oder einen
guten Ort fand? (Neben Blink
Blink, wie ich herausfand, befindet
sich der Salon Mutlu)

Tantalos-Qualen

Die Jagd nach einer Chimäre,
einem Phantom, auf das die Begierden
fixiert sind wie ein Starkstrom-
Magnet: Ein nächtliches
Glück, das ich mir erhofft habe
und als sicher eintreffendes Ereignis
einschätzte, zeigte sich immer
wieder als Seifenblase dieser Tage
und zerplatzte.
Tantalos-Qualen: Dieser Ausdruck
machte uns stutzig vor einiger
Zeit, weil es in ihrer SMS
hieß, dass Sie sich in solchen aale.
Nach einer reiflichen Überlegung
und zur Rate Ziehung etlicher
Wörterbücher übersetzten wir
diesen Ausdruck folgender Maßen:
Weil der griechische Sagenkönig
Tantalos gegen die Götter
frevelte, wurde er nach unten geworfen
und musste dort Qualen
erleiden, die darin bestanden,
etwas vor Augen zu haben, ohne
es jemals erreichen zu können.
Homer schrieb in der Odyssee, 11.
Gesang, 582–592:
„Auch den Tantalos sah ich, mit
schweren Qualen belastet.
Mitten im Teiche stand er, den
Kinn von der Welle bespület,
Lechzte hinab vor Durst, und konnte
zum Trinken nicht kommen.
Denn so oft sich der Greis hinbückte,
die Zunge zu kühlen;
Schwand das versiegende Wasser
hinweg, und rings um die Füße
Zeigte sich schwarzer Sand, getrocknet
vom feindlichen Dämon.
Fruchtbare Bäume neigten um seine
Scheitel die Zweige,
Voll balsamischer Birnen, Granaten
und grüner Oliven,
Oder voll süßer Feigen und rötlich
gesprenkelter Äpfel.
Aber sobald sich der Greis aufreckte,
der Früchte zu pflücken;
Wirbelte plötzlich der Sturm sie
empor zu den schattigen Wolken.“
Nach einem ausgiebigen Spaziergang,
einer guten Tasse Kaffee
und glücklicher Gedankenfügung
verwandelte ich die Wut über Sie
in das Glück einer intensiven Erfahrung
und die Tantalos-Qualen
verschwanden wie aufsteigende
Nebelschwaden. Vielleicht ruft sie
mich heute Abend ja noch an. Vielleicht
auch nicht. Dann geh ich
schwimmen. Nackt. (Und werde
getrocknet von freundlichen Dämonen.)

Der Stuhl im Baum

Ich folgte dem Pfad vorheriger
Tage, die Treppe hinunter, hinaus
in den kleinen Park mit Spielplatz,
Bänken und Fußballfeld, am Rande
der Bach. Ein Rentnerpärchen
mit Rollator saß dort und blickte
mir nach. Vor mir die dicken
Stämme, in denen seit Monaten
ein kaputter Plastikstuhl eingeklemmt
war. Früh fragte ich mich
selber: Warum dies? Kleinigkeiten
so zu befragen hatte ich mir angewöhnt,
seit eine Amerikanerin das
sinnlose Loch über meiner Couch
zum Thema machte:
„What meaning has this hole“?
Und als die Rentner ihren Rollator
vor mir her schoben, sagte die
Frau „Herbert, der Stuhl ist ja immer
noch da“.
Wedding und sein Müll.