Das Traumhaus

1.

Zwölf Jahre sind vergangen, seit ich an jenem Morgen aufwachte und mich an einen Traum erinnerte, der mich nicht mehr losließ und der zum Anfangspunkt vieler außergewöhnlicher Ereignisse werden sollte, die mein Leben für immer veränderten.
Viel ist nicht mehr übrig, nur ein Gefühl, ein schönes Gefühl voller Sehnsucht. An diesen Rest trete ich behutsam heran, wie ein Historiker, der eine Quelle, die kaum etwas preis gibt, durch das Stellen von Fragen und das Einbetten in den historischen Kontext zum Sprechen bringt. Die Lücke der Überlieferung – oder in meinem Fall, der Erinnerung – können durch spekulative Phantasie geschlossen werden. Der Historiker wird zum Geschichtenerzähler, und weil der Traum auch Geschichten erzählt, unsere Traumgeschichte bei Nacht, können wir im klaren Licht des Tages seine Fragmente zum Ganzen zusammenfügen.Meiner Traummethode genügt die kleinste Spur eines Traumes, um aus dieser das Noch-nicht-mehr Vorhandene zu erschließen. Auch wenn wir die dunkle Materie nicht direkt sehen, müssen wir sie indirekt annehmen, um das Universum (ansatzweise) verstehen zu können. Diesen Traum hatte ich, als ich 17 ein halb Jahre alt war. Alle Figuren und Erlebnisse der folgenden Geschichte habe ich versucht, aus diesem Gefühl eines Traumes heraus zu entwickeln.

2.

Sie wachten auf.
Und waren alle noch müde. Auf einem Teppich, der sich in den dunklen Ecken des Raumes verlor, dessen wahre Größe verborgen blieb Die Frage, wo war der Raum?, ging gleich über in die Frage wo waren sie?, wer waren sie und wer waren die?

Denn sie kannten sich nicht, fremde Augenpaare starrten einander in völliger Unkenntnis an. Alles, woran sie sich noch erinnern konnten, ist, dass sie eingeschlafen waren, pünktlich, mehr oder weniger, irgendwo in der Welt.
Zweihundertvierundzwanzig unbekannte Zeiteinheiten vergingen – die Traumuhr läuft anders – und das ungläubige Anstarren und Betrachten der eigenen Hände hielt an. Ihre Augen suchten im Halbdunkel nach Anhaltspunkten, Orientierungshilfen, die ihnen ein bisschen Vertrautheit schenken könnten.
Wer waren sie? Wo waren sie? Langsam änderte sich die Essenz ihrer Blicke. Aus erschrockener Ungläubigkeit wurde erstes Beobachten, Wahrnehmen, mit Blicken antasten. Als sie gerade begannen, auf einander zuzugehen, erwachten sie, sechs Jugendliche aus verschiedenen Teilen der Welt.

Anton

Dass die Uhren der Welt ungleich laufen, wusste Anton seit dem Tag, an dem er im Trubel der Passanten von der Hand seiner Mutter losgerissen wurde, am Alexanderplatz war das, Berlin.
Es trieb ihn schlafwandlerisch unter die Weltzeituhr, die er mit seiner knallgelben Armbanduhr verglich, ein Geschenk zu seinem 7. Geburtstag.
In China ist es jetzt … Mitternacht.Komisch. Gibt es mehrere Zeiten zur gleichen Zeit? Auch seine Mutter hatte nie Zeit für ihn, obwohl er doch alle Zeit der Welt hatte. Sie suchte ihn und sie fand ihn. Er stellte sich auf ein Geschimpfe ein, als das ausblieb, erzählte er von seiner Entdeckung. „In China ist es jetzt Mitternacht.“
„Schön, Schatz, wir müssen nach Hause.“ Jetzt war er 17 einhalb und er verstand es immer noch nicht.

Linnh

In Linnh Heimat gab es die Redewendung, sein Gesicht zu verlieren.
Es gab ziemlich viele Dinge, für die man sein Gesicht verlieren konnte, das wusste sie sehr früh.
Sie stellte sich das bildlich vor und erschrak sehr, als sie den Mann ohne Gesicht sah, der sie seitdem in ihren Tag- und Nachtträumen verfolgte. Sie flüchtete unter den Tisch, wo sie Onkel Wang tröstete, während ihre Eltern abschätzig sagten, sie solle nicht so ein Radau machen. Onkel Wang verlor sein Gesicht, weil er mit einer Bäuerin sittenlosen Umgang pflegte.
Linnh sah ihn nie wieder und hoffte, dass ihre ehrabschneidende Familie ihm wenigstens sein Gesicht gelassen hatte, dass sie immer so schön und gütig anblickte. Sie weinte noch immer bittere Tränen um Onkel Wang, während sie an der Nähmaschine saß, in der stickigen Fabrik am Stadtrand.

Fatima

Fatima blutete. Es war das erste Mal, und sie wusste, was das bedeutet. Sie schauderte, als ihr neues Leben vor ihr aufblitzte, eingehüllt wie ein Fisch in Backpapier, verschleiert für fremde Blicke.
Das, was unten bei ihr raus kam, war nicht nur ihr persönlicher Makel, sondern das ihres ganzen Geschlechtes, sie wusste, welchen Preis sie für ihre erwachte Weiblichkeit zu zahlen hatte und wurde ohnmächtig. Ihr schon begrenztes Leben würde in noch engere Bahnen gefasst werden und ihr zukünftiger Ehemann, dieser Trottel von Nachbar, hatte einen Grund mehr, sie zu ärgern.
Das Klo war der einzige Ort, wo sie sich ungestört ihren Gefühlen hingeben konnte, und sie erlaubte sich, zu weinen. Vor dem Klo stand schon die Tante, und forderte sie auf, die Tür aufzumachen.
Der Irrsinn nahm seinen Lauf.

José

José musste jung in die Miene. War ihm anfangs Angst und Bange in der stickigen, schwülen, engen Umgebung, gewöhnte er sich mit den Jahren daran und nahm es als sein Lebensschicksal hin, so wie ein Blinder es hinnahm, nichts sehen zu können, da er es nicht anders gewohnt war. Er wusste, dass sein Leben nicht lange dauern würde und hatte das Aufflackern eines anderen Lebensinhaltes, in den paar Jahren, in denen er die Schule des Dorfes besuchte, in eine versteckte Hirnkammer abgeschoben.
Es machte ihn auch stolz, ein bisschen zum Lebensunterhalt seiner kleinen Familie beitragen zu können. Denn was ihm an Komfort abging, ersetzte die liebevolle Zuwendung seiner Mutter und der herzliche Umgang mit seinen jüngeren Geschwistern, denen seine schwere Arbeit glücklicherweise erspart bleiben wird. Die Schwester half der Mutter auf dem Wochenmarkt, die beiden Brüder waren noch zu jung für körperliche Arbeit und die Mutter, nachdem sie nicht verhindern konnte, dass José seinem Vater in die Miene folgte, wusste es zu verhindern, dass seinen Brüdern ein ähnliches Schicksal blühte.

Christopher

Christopher hasste das Klavierspiel jeden Tag mehr. Er musste üben, üben, üben, wurde herum gereicht in den schicken Salons der Bezirkshauptstadt wie ein kleines Wunderkind und seine strenge Mutter wachte argwöhnisch, dass er sein tägliches Pensum einhielt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zuletzt einen eigenen Wunsch erfüllen durfte, sein eigener Wert hing von der Perfektion seines Klavierspiels ab. Freunde durften ihn – so er welche gehabt hätte – sowieso nicht besuchen.

Maria

Maria war die Letzte, immer die Letzte, die es verstand. Sie war schwer von Begriff, das heißt nicht, dass sie dumm war. Von zumindest durchschnittlicher Intelligenz, brauchte sie eben etwas länger, ein Buch zu lesen oder eine Aufgabe zu erledigen. Das gereichte ihr zum Nachteil, denn ihre Eltern, hochgebildet, maßen sie unbewusst an der Geschwindigkeit ihres Lernerfolges und überschütteten ihre Freizeit mit Nachhilfestunden. Ihr Gehirn ächzte unter den Aufgaben der Nachhilfelehrerin, die, unbekümmert um die Sorgenfalten in Marias Gesicht, mit ihrem Smartphone spielte. Maria wollte raus gehen. Dort war ihre Wunderwelt, nicht in den Büchern.