Der Kappa im Spa

Ich saß im Onsen bei -7 Grad Außentemperatur. Die Russenpeitsche hatte zugeschlagen, eine einwöchige Kälteperiode, die unsere Finger gefrieren ließ. Im warmen Pool, bei angenehmen 36 Grad, empfand mein Kopf als Thermometerkügelchen die Kälte als angenehm erfrischend.

Nur nicht die Haare nass werden lassen.

Hinter den Glasscheiben, im Inneren des Spa´s, entspannten die Leute von ihren Saunagängen, lasen ein Buch oder aßen einen Flammkuchen, den ich mir nicht leisten konnte (wollte!). Phillip fiel es nicht so leicht, zu entspannen.

„Wie lange willst du denn noch hier bleiben? Zwei Stunden halte ich es hier nicht aus.“

„Locker vier Stunden.“ Phillip sank tiefer in den Pool und seufzte.

„Was soll ich denn hier machen die ganze Zeit … ?“

„Das größte Geschenk, das du dir hier machen kannst, ist vollständig zu entspannen, dich quasi einem Ozean größtmöglich Entspannung hinzugeben, in dem du versinkst. Kopf ausschalten, auf Autopilot schalten, langsamer werden und aus dieser Haltung heraus einfach nur beobachten, was um dich herum passiert, ohne gedanklich darauf zu reagieren.“

„Du meinst, Brüste anstarren?“

„Nein“, murmelte ich, „das meinte ich nicht damit.“

„War ja nur ein Scherz …“. Wir schmunzelten.

Seine gepflegte Halbglatze schimmerte vor dem Hintergrund des schwach beleuchteten, mit Bambusstäben verzierten Hintergrundes. BAMBOO Philip, dachte ich plötzlich und wurde wieder kurzzeitig verrückt.

Sein Kopf löste sich aus der körperlichen Verankerung, drehte sich vor den wie Ölpumpen auf und abgehenden Bambusstäben langsam um sich selbst. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, was mit seinem Kopf geschah, der sich verformte, als bestünde er nur aus Knete. Seine Schädeldecke wölbte sich nach unten, sodass eine kleine Kuhle entstand, die mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt war. Um diese herum wuchs ein gleichmäßiges Kleid von Algen aus seiner Kopfhaut, es sah wie der Uferbewuchs eines kleinen Zierteiches aus. Seine Augen rundeten sich zu zwei großen, glubschigen Kugeln, die sich unruhig in alle Richtungen, auch nach innen, bewegten. Sie schienen etwas zu suchen. Die Mundpartie, hornartig verhärtet, spitzte sich nach vorne hin zu und nahm ein schnabelartiges Aussehen an.

Die glitschige, mit kleinen, grün schimmernden Schuppen bedeckte Haut begann nun unter seinem Kopf einen Körper zu formen, der mit der menschlichen Physiognomie nichts gemein hatte. Der Rücken war nach außen gewölbt und verhärtet, als wäre unter der merkwürdigen Haut ein Schildkrötenpanzer eingenäht. Die Arme waren vor der Brust in einer wulstigen Verdickung miteinander verknüpft als ein einziges, schlangenartiges Körperteil, endeten jeweils in drei mit Schwimmhäuten verbundenen Fingern, ohne dass ein vom Arm abzugrenzendes Handgelenk erkennbar gewesen wäre. Schließlich stand das Wesen aufrecht vor mir, wesentlich kleiner als ich, verströmte einen fischartigen Geruch und durch seine Augenbewegungen gingen von ihm permanent schmatzende Geräusche aus. Kurzum – Philip hatte sich in ein japanisches Fabelwesen verwandelt, einen Kappa!

Ich war ja vertraut mit Phillips kurzfristig einsetzenden Stimmungswechseln, weil ihm langweilig wurde. Ja, ich konnte verstehen, wenn man sich ab und an in seiner Haut nicht so wohl fühlt. Wer kennt das nicht? Aber das? Das geht doch nun wirklich zu weit, sich einfach zu verwandeln, während ich doch nur entspannen möchte. „Ist das dein Ernst? Was willst du mir mit diesem Aussehen mitteilen?“ Aber Phillip, oder das, was aus ihm wurde – nennen wir es Jack – antwortete nicht wie ein sprachbegabter Homo Sapiens, das, was eine Antwort hätte sein können, klang wie ein plätscherndes Glucksen, ein gezielter Wasserstrahl flog aus seinem Schnabel und füllte meine Ohrenmuschel mit einer Flüssigkeit auf, die ganz langsam in meine Gehörgänge sickerte. „War das ein Versuch, mir zu sagen, dass du mich verstanden hast?“ Seine Augen drehten sich wieder einwärts, mit ihm der Körper, der sich langsam aus dem Pool erhob und in Richtung der Glastüren schwankte. Außerhalb des Pools war sein Gang recht unsicher, immer wieder schwappten ein paar Tropfen der Flüssigkeit aus seiner Kopfkuhle auf den Boden, und wo sie hinfielen, auf den gepflegten Marmor, bildeten sich Pfützen, aus denen Wasserpflanzen wuchsen.

„Das sieht ja putzig aus, wie das da wächst. Hast du etwa eine Nährflüssigkeit in deinem Kopf?“

Er erreichte die Glastür und betrat die Einrichtung, vor uns lagen dutzende Reihen mit Liegestühlen, auf denen in Handtücher gewickelte Mumien lagen, denn es bewegte sich nichts, alles still und ruhig. Was wollte er nur? Suchte er etwas?

Rechter Hand lag die Bar. Er legte sich über den Tresen und patschte mit seinen Armen über die dahinter liegende Arbeitsplatte, bis er, sah ich es recht, eine Gurkenstange hervorzog, die normalerweise für die Moskau Mules herhalten musste. Diese Gurke hielt er wie eine Trophäe in meine Richtung. „Ähhh“, murmelte ich, „hast du gut gemacht?“ Er japste und patschte seine Arme mehrmals zusammen als Zeichen seiner Freude über meine Anerkennung für seinen gar außergewöhnlichen Fund. Gurken! Ich hielt das für einen Scherz, bis ich den entsprechenden Lexikonartikel in meiner inneren Enzyklopädie aufschlug, denn auch in mir schienen sich ein paar morphologische Veränderungen eingestellt zu haben: „Kappa?“, fragte ich mein Hirn. „Hat eine besondere Vorliebe für grüne Gurken.“ Aha, da haben wir es ja, es ist also deine Lieblingsspeise! „Außerdem überredet er gerne die Menschen, mit ihm einen Sumo Ringkampf zu machen.“ Okay. „Solange er an Land ist, ist er für den Menschen ungefährlich. Dennoch verleiht ihm die Flüssigkeit auf seinem Kopf übermenschliche Kräfte.“ Es ist gut langsam. „Ist er im Wasser, versuchte er Kühe und Schweine ins Wasser zu ziehen und tötet sie, indem er ihnen die Leber aus dem After zieht … auch Menschen können unter seinen Opfern sein.“

„So etwas machst du?“ Ich fühlte eine leichte Beklemmung in meinem Unterleib. Aber mein kleiner Kappa wirkte eher harmlos, er biss mehrmals von der Gurke ab und schmatzte so laut wie ein brünstiger Bulle. „Pssst, das hier ist doch ein Ruhebereich …“ Er warf mir die Gurke an den Kopf und verschwand innerhalb einer Sekunde aus meinem Blickwinkel. Wo konnte er jetzt nur hingegangen sein? …

„DER GROSSE POOL!“ Am Ende eines kleinen Seitenganges gingen die Stufen hinab in das warme Wasser, um in die dahinter liegende Grotte zu gelangen, musste man unter einer einen Meter langen Barriere hindurch tauchen. Dorthin zogen sich meistens die Liebenden zurück, vor den Blicken neugieriger Menschen geschützt. Nun war aber mein Jack, der sich in einen Kappa verwandelt hatte, nicht gerade der Typ für zärtliche Tändelei und ich ahnte Schlimmes, nachdem mich mein Lexikon mit immer ungeheuerlicheren Informationen über eine gewisse Böswilligkeit jener Wesen überflutet hatte.

Ich tauchte. Die Unterwasserlampen funkelten wie ein verborgener Schatz, leuchtende Rubine, Opale und Smaragde, tausendfach, aber diskret, ein bunt schimmernder Boden, dessen Licht sich immer mehr mit der Dunkelheit vermischte, je weiter man nach oben guckte, schemenhafte Silhouetten, Schatten bewegten sich im Wasser und taten unanständige Dinge. Ich konnte das nicht genau sehen, mein Blickfeld verschwamm bereits nach wenigen Zentimetern. „Jack!“

Der Kappa saß regungslos am Becken mit den Beinen im Wasser. Eine Statue. Aber seine Gesichtszüge waren gelöst, als hätte er bekommen, was er wollte, um zugleich diesen Ausdruck für die Ewigkeit zu versteinern. Aber ich hatte mich getäuscht. Er blinzelte mich an und beugte sein Haupt langsam über den Beckenrand. Aus seiner Kopfkuhle floss die sämige Flüssigkeit über seine Stirn und tropfte in das heiße Wasser. Es stieg dabei ein feiner Nebel auf und erfüllte den Raum mit einem eigenartigen Geruch. Gurke. Die Liebenden umschlungen sich noch fester und versanken leise stöhnend in der wohligen Wärme des Pools, die in jede Körperzelle drang und alle Glieder prickeln ließ. Auch mich überkam eine Welle der Lust und ich liebte mich selbst und meinen Körper fand ich wunderschön. Der Nebel stieg mir zu Kopf, als ich es Plumpsen hörte. Jack tauchte zwischen den Liebenden umher, blitzschnell, jetzt zeigst du dein wahres Gesicht – aber er genoss es nur, die schwüle Atmosphäre, zu der er einen nicht zu gering einzuschätzenden Beitrag geleistet hatte, in sich aufzunehmen. Nicht zu vergessen, dass er zu glimmern begann. Ein Leuchtfisch. Er zog seine Schlängellinien, bis es ihm schließlich langweilig wurde und er unter der Barriere verschwand. „Wohin fliehst du denn jetzt schon wieder?“ Klar. Die Sauna!

Ich musste nur der Wasserspur folgen, um ihn zu finden.

Vor der Glastür stand ein Schild: „16:00 Gurkenaufguss“.

Ich öffnete die Türe, sogleich schlug mir eine Nebelwand entgegen und ich wurde von einer feuchten Hand in das Treiben hineingezogen. Schwüle Hitze, Körper schmiegten sich aneinander, Fremde, die sich nicht sehen konnten, und immer wieder glitt etwas Glitschiges zwischen uns hindurch. Ich erspare ihnen weitere Ausführungen dieser Situation, in die ich ungewollt hineingeraten bin.

Völlig erschöpft und tiefenentspannt verließ ich die Sauna.

Jack wartete auf mich, er stand vor der großen Glastür, die nach draußen führte. Ein eisiger Wind betäubte meine Haut, als ich nach draußen trat und wieder einmal dem Kappa folgte. Der ganze Außenbereich war mit Schlingpflanzen überwuchert, armdicke Lianen bildeten eine Art Hütte.

Unter dem grünen Dach lag der Pool. Ein junges Pärchen fühlte sich gar sehr unbeobachtet, der boyfriend überhäufte seine Geliebte mit Küssen aller Art.

Phillip drehte seinen Kopf in ihre Richtung und dann ganz schnell wieder zu mir.

„Das gibt’s doch nicht“, sagte er entgeistert zu mir. „Jetzt fangen die hier schon an zu knutschen. Das ist doch eine öffentliche Badeanstalt.“ Phillip sah wieder ganz normal aus. Ein bisschen zu normal. Das ist doch wieder ein Trick von dir …