Fundstücke

I.
In der Aphorismensammlung Blüthenstaub von Novalis(1) geistert der mit der Nummer 66 seit Jahren in meinem Kopf und will dort einfach nicht verschwinden. Heraus mit dir, hier Zitat: „Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben. Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, wäre für den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe, Anfang eines unendlichen Romans.“ Seit ich ihn las, und schon davor, suche ich immer nach diesen ersten Gliedern, nicht so sehr ihrer selbst wegen als abgeschlossene Mikrokosmen, sondern in ihrer Eigenschaft, Anknüpfungspunkte zu bilden, zu wachsen, in verschiedenen Gewändern auftreten zu können. Unendliche Reihe und unendlicher Roman enthielt für mich das Versprechen(2) , das unsere Erlebnisse nicht als vereinzelte Bruchstücke an unserem Lebensweg liegen bleiben, sondern – hier möchte ich schweigen, weil mir noch nicht das passende Verb für eine unendliche Reihe bilden einfällt, die … neben dem Lebensweg einher läuft?

II.
Das erste Glied einer Kette. Die erste Note einer unsterblichen Melodie. Das erste Wort eines berühmten Buches. Die Wand, die als erstes einbricht, und das ganze Haus einstürzen lässt. Das erste Hüsteln, das die lange Krankheit ankündigt. Der erste Augenblick des Lebens nach dem Austritt aus dem Mutterleib. Der Hans-Guck-in-die-Luft in allen möglichen Variationen.

III.
Jeder meiner Texte ist von einem ersten Glied motiviert, von einem Aha-Moment, von irgendeinem mikroskopisches Etwas, das sich bei mir eingenistet hat(3). Darum sind streng genommen keine meiner Texte abgeschlossen, sondern jeder ein möglicher Fortsetzungsroman, und sei es als ein Wirkmoment in ihrem Leben, lieber Leser. Römische Zahlen scheinen mir diese Eigenschaft zu verdeutlichen, weswegen ich mit Römisch I. vor der Überschrift eines Textes nicht unbedingt sagen möchte, dass da noch ein zweiter Text folgt. Jedoch folgen kann und gerne soll. Fortsetzung folgt.

IV.
Eine Konversation kann aus einem Suchen und gemeinsam weiter Spinnen solcher ersten Glieder ihre Kraft beziehen. Der Kraftpunkt eines solchen Gliedes kann dabei über lange Strecken unbewusst wirken, bis er am Ende einer langen Wechselrede wieder hervorkommt: Da waren wir doch schon, von dort sind wir gestartet. Aber was ist dazwischen nicht alles geschehen und geredet worden, was haben wir nicht alles entdeckt. Das ist die Magie einer Konversation.

1) Novalis, Blüthenstaub/ Glaube und Liebe/Die Christenheit oder Europa, Berlin 2013.
2) Aus ein Versprechen enthalten mache ich auch schon eine unendliche Reihe, siehe den Text Wundertüte.
3) Und ein ganzes Wespennest wartet noch darauf, auszubrechen.